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| Qigong |
Was ist Qigong
Qigong zu erklären ist nicht leicht. Es gibt in der deutschen Sprache kein Wort, das den Bedeutungsumfang von Qi wiedergeben kann. Der Begriff Gong lässt sich leichter beschreiben. Er bedeutet unter anderem arbeiten mit, ausbilden, kultivieren oder sich üben. Vereinfacht kann man Qigong übersetzen als Arbeiten am Qi, Lenken des Qi oder Regulieren des Qi. Oder anders gesagt, Qigong ist eine chinesische Bezeichnung für alle Übungsformen, die mit Qi zu tun haben.
Oft wird Qi mit Energie oder Lebensenergie übersetzt. Die Bedeutung ist jedoch viel umfangreicher und nur im Zusammenhang mit der traditionellen chinesischen Weltanschauung, Philosophie und Medizin zu verstehen. Das Zeichen für Qi hatte in seiner ursprünglichen Form die Bedeutung Wolken oder Dampf. Bei weiteren Schreibweisen für Qi kamen Bedeutungen wie Feuer, Nichtsein (im Sinne eines undifferenzierten Urzustandes oder Qi des ursprünglichen Himmels) und Reis dazu. Die heute verbindliche Schreibweise bedeutete ursprünglich "als Geschenk Proviant darbringen". Dies weist auf die nährende Funktion des Qi hin.
Vielleicht geben folgende Worte des chinesischen Alchimisten und Weisheitslehrers Baopuzi (um 320 n. Chr.) eine bessere Vorstellung von der Bedeutung des Begriffs Qi:
"Der Mensch lebt inmitten von Qi, und Qi erfüllt den Menschen. Angefangen bei Himmel und Erde bis zu den Zehntausend Wesen, alles bedarf des Qi, um zu leben. Wer das Qi zu führen weiss, nährt im Inneren seinen Körper und wehrt nach aussen hin schädigende Einflüsse ab."
(Zitat aus dem Buch von U.Engelhart, Die klassische Tradition der Qi-Übungen (Qigong), Med.-Literarische Verlagsgesellschaft, 1997, S.10)
Die Übungsformen des Qigong lassen sich unterteilen in Übungen in Ruhe oder Stille (Jinggong) und Übungen in Bewegung (Donggong). Eine weitere Unterteilung ergibt sich durch die Zielsetzung der verschiedenen Qigong-Verfahren:
- Medizinisches Qigong (Förderung des Heilprozesses bei Krankheiten)
- Qigong zur Erhaltung der Gesundheit (Vorsorge)
- Qigong für Kampfkünste: Stärkung des Körpers, Widerstandserhöhung als Schutz für den eigenen Körper
Wenn man sich mit Qigong befassen will, fällt der Zugang vielleicht leichter, sich eine Entdeckungsreise in ein unbekanntes Land vorzustellen. Einerseits führt diese Reise nach China mit seiner Geschichte, Kultur und Sprache. Andererseits führt die Reise zu einem selber, wenn man beginnt, Qigong zu praktizieren. Mit der eigenen Übungspraxis erschliesst sich die Bedeutung und Wirkung des Qigong viel besser als mit tausend Worten.
Qigong und Gesundheit
Jede Qigong-Übung wirkt auf den Körper, den Geist und die emotionale Befindlichkeit. Beim Stillen Qigong lernt man, das Qi mit der Vorstellung zu lenken, um so die Leitbahnen (Meridiane) und Akupunkturpunkte zu beeinflussen.
Beim Qigong in Bewegung beeinflussen langsame körperliche Bewegungen zusammen mit der Vorstellung das Fliessen des Qi über die Leitbahnen und bei den Akupunkturpunkten. Bei den Übungen können zusätzlich bestimmte Punkte massiert oder mit der Handinnenfläche beeinflusst werden, um regulierend auf den Körper einzuwirken (Stauungen oder Blockaden beseitigen).
Die Energie fliesst im menschlichen Körper nicht ziellos umher, sondern sie folgt bestimmten Bahnen. Über das Stimulieren von Punkten auf der Hautoberfläche kann der Energiehaushalt des Menschen beeinflusst werden. Die Lage und die Besonderheiten der einzelnen Punkte sind mittlerweile genau bekannt und beschrieben. Sie liegen auf Leitbahnen, die auf der Hautoberfläche und im Innern des Körpers verlaufen. Es gibt Hauptleitbahnen, die mit bestimmten Organen und Körperteilen in einer engen Beziehung stehen. So steht z. B. die Leber in Verbindung mit den Muskeln und der Spannkraft der Muskeln und Sehnen (Dynamik der Bewegung).
Spricht man bei einzelnen Übungen von Wirkungsschwerpunkten oder Wirkungsweisen, ist dies nur ein Aspekt der ganzen Übung. Jede Qigong-Übung wirkt über die Leitbahnen oder Meridiane regulierend auf den ganzen Körper. Mit speziellen Körperhaltungen, Vorstellungsübungen oder Bewegungen kann man Schwerpunkte setzen.
Qigong-Übungen werden zur Gesundheitsvorsorge, zur Behandlung von Krankheiten in einem frühen Stadium oder zur Unterstützung der Heilung von chronischen Krankheiten praktiziert. Ebenso kann man mit Qigong-Übungen den Körper stärken (Muskeln, Sehnen, Knochen, Organe), die Widerstandskraft erhöhen (z.B. für die Kampfkunst) und die Beweglichkeit und Koordination schulen. Qigong hat auch einen meditativen Aspekt: Entspannung, Ruhe, Konzentration.
Qigong und Medizin bildeten im alten China eine untrennbare Einheit, die auf den Grundgedanken der Theorie der fünf Elemente und dem Yin/Yang- Konzept basierte.
Qigong in der Kampfkunst
Jede Kampfkunst ist ein umfassendes System mit einer Fülle von Möglichkeiten. Dazu gehört auch die Vorbereitung , bevor man mit den Kampftechniken beginnt. Der Körper muss aufgewärmt werden, damit die Muskeln und Sehnen weich und geschmeidig und die Gelenke beweglich sind. Diese Aufwärmung kann anstelle einer sportlichen Aufwärmgymnastik auch mit speziellen Qigong-Übungen erfolgen. Qigong als Aufwärmung beruhigt den Geist, unterstützt die Atmung, entspannt den Körper und macht beweglich und öffnet Energiebahnen, um nur die wichtigsten Aspekte zu nennen.
Zusätzlich gibt es spezielle Qigong-Übungen zur Kräftigung bestimmter Körperregionen: Haut und Muskeln stimulieren, Sehnen und Muskeln stärken, Gelenke kräftigen, Qi entwickeln, Widerstandserhöhung als Schutz für den eigenen Körper.
Mit dem Üben des Energiekreislaufs, einer Übung aus dem Stillen Qigong, wird die innere Kraft gestärkt. Der Qi-Fluss in den Meridianen wird erhöht. Mit der Zeit ist man in der Lage, die Bewegungen des Körpers mit dieser inneren Energie anzutreiben. Die Übungen der Konzentration auf bestimmte Punkte und das Lenken des Qi-Flusses unterstützen das Kampkunsttraining (Ruhe, Konzentration, Energieaufbau, Energie-Lenkung, Verfeinerung der Wahrnehmung).
Die Ursprünge des Qigong
Qigong hat in China eine Jahrtausende alte Geschichte. Im Laufe dieser Zeit hat Qigong unterschiedliche Gestaltungen erfahren und es war auch unterschiedlichen Wertschätzungen ausgesetzt. Das Wissen und die Praktiken des Qigong wurden lange Zeit nur innerhalb von Geheimzirkeln weitervermittelt.
China mit seiner Jahrtausende alten Kultur hat sich weitgehend unabhängig von der abendländischen Kultur entwickelt. Trotz Einflüssen von aussen konzentrierte man sich immer wieder auf den eigenen Ursprung. Prägend für das Denken und Handeln der Chinesen waren einerseits die bäuerliche Gesellschaft mit ihrer Sozialstruktur, andererseits viele Ideen, die sich während der Blütezeit der chinesischen Philosophie (821 - 221 v.Chr) entwickelten. Buddhistisches und daoistisches Gedankengut sowie die Soziallehre von Konfuzuis beeinflussten sich gegenseitig.
Konfuzius (551 - 478 v.Chr.) prägte mit seiner Soziallehre das geistige Leben der Chinesen entscheidend. Er war der Überlieferer einer bereits lange existierenden universalen Weltordnung, in welcher alle überirdischen, menschlichen und staatspolitischen Phänomene ihren festen Platz hatten. Die konfuzianische
Weltanschauung betrachtet Himmel, Erde und Menschen als Ganzes, das in einer engen Wechselwirkung zueinander steht. Eine Störung an einer Stelle beeinflusst mehr oder weniger stark andere Ebenen oder auch das Ganze.
Die chinesische Betrachtungsweise richtet sich sowohl in ihrer Sprache als auch in ihrem Denken auf den Zusammenhang aller Dinge.
Das, was wir heute als Qigong bezeichnen, ist ein philosophischer Begriff aus einer Zeit, als Spekulationen über das Qi noch mystische Bedeutungen hatten (403 - 221 v. Chr). Man nahm an, dass das Universum, das Wachstum und die Wandlung aller Wesen und Dinge eine Funktion von Qi waren. Aus dieser Zeit stammt eine literarische Quelle (eine Grabinschrift auf Jadeplatten) über das Bewegen des Qi.
Qigong beinhaltete im alten China verschiedene philosophische und religiöse Aspekte. Religion hatte zu dieser Zeit eine viel stärkere Bedeutung als heute. Es gab in China immer wieder Zeiten, während denen Qigong sehr populär war und Zeiten der Unterdrückung. Mit der Entstehung der Volksrepublik China begann eine Zeit der Unterdrückung von Qigong. Zu Maos Zeiten wurden Traditionen und Religionen nicht geduldet. Deshalb mussten die religiösen Aspekte des Qigong verleugnet werden. Qigong konnte aber weiter praktiziert werden, da es offiziell als Atem- und Gesundheitsbewegungen auf der Grundlage von medizinischen Wissen bezeichnet wurde. Die erste Übersetzung dieses Begriffes im Westen mit dem Wort Atemtechniken führte bei uns zu einer falschen Gewichtung der Rolle des Atems bei den Qigong-Übungen.
Erst nach der Kulturrevolution war es in China wieder möglich, öffentlich über Qigong zu sprechen und zu praktizieren. |
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