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Wing Chun

Mündliche Überlieferung
Vieles der Historie des Wing Chun's ist Legende und beruht auf mündlicher Überlieferung, ist also nicht schriftlich dokumentiert. Es ist deshalb schwierig verlässliche Aussagen zur Geschichte des Wing Chun zu machen, zumal man die Vorliebe der Chinesen für ausgeschmückte Geschichten und Heldentaten kennt.

Die Legende
Nach der Legende kam im 6. Jahrhundert ein indischer Mönch nach China. Er hatte sich auf den langen Weg gemacht, um in China seine Vorstellung vom Buddhismus zu verbreiten, die man später Chan (japanisch Zen) nennen sollte. Sein Name war Bodhidharma oder abgekürzt Dharma, was »buddhistische Lehre« bedeutet.

Damo der Mönch
Später wurde er in China einfach Damo genannt. Er kam mit einem Schiff in der chinesischen Stadt Guangzhou an und machte sich von dort auf den langen Weg in den Norden des Landes. Zu dieser Zeit strömten viele indische Mönche nach China, um zu missionieren. Viele von ihnen versuchten, eine Audienz beim Kaiser zu erhalten, denn mit seiner Unterstützung konnten Klöster und Tempel gebaut werden. Auch Damo ging in die damalige Hauptstadt Nanjing, wo ihm eine Unterredung mit dem chinesischen Kaiser gewährt wurde, die aber wenig positiv verlief. Der damalige Herrscher Wu fragte Bodhidharma: " Wir haben viele Tempel erbaut, die heiligen Schriften abgeschrieben und viele Mönche und Nonnen unterstützt, weIche Bedeutung liegt in unserem Handeln?"
"Überhaupt keine Bedeutung", antwortete er: "Dies sind minderwertige Taten, die Spuren von Weltlichkeit enthalten; sie gleichen den Schatten im Wald. Sie scheinen nur zu existieren, in Wirklichkeit aber sind sie gehaltlos. Das einzig wahre Werk von Bedeutung ist die Weisheit; sie ist rein, vollkommen unergründlich und kann nicht durch materielle Handlungen erlangt werden". Über die Antwort entsetzt, welche für ihn nun bedeutete, daß seine anscheinend großen Bemühungen verurteilt wurden, erkundigte sich der chinesische Kaiser nochmals: "Was dann ist die heilige Wahrheit in ihrem ganzen Sinn?" "In der großen Leere gibt es nichts Heiliges", sagte Bodhidharma. Schließlich fragte der Kaiser verzweifelt: " Wer ist es dann, der mir jetzt gegenübersteht?" "Ich weiß es nicht, Eure Majestät", war die rätselhafte Antwort. Verwirrt entliess Kaiser Wu Bodhidharma und ging in verständnisloser Wut davon. Der weise Mann aus Indien mit dem schwarzen Bart ging ernst aus dem Palast, um nie wieder zurück zu kehren. Der Kaiser, der geglaubt hatte, er könne sich den Weg in den Buddhismus erkaufen, war sich einfach der wahren Bedeutung von Chan nicht bewußt, welche in der Wahrnehmung der eigenen Natur liegt.

Das Kloster Shaolin
Damo verließ Nanjing bald wieder. Er begab sich auf weitere Wanderungen durch China, und nach einiger Zeit stiess er zufällig (im Jahr 527) auf das buddhistische Kloster Shaolin, das 495 gebaut worden war. Im Shaolin wurden seit vielen Jahren buddhistische Werke aus dem Sanskrit in die chinesische Sprache übersetzt. Die Mönche plagten sich als Schreiber Tag und Nacht im Wechsel und übersetzten über sechshundert Bücher in ihre Muttersprache. Als Bodhidharma dort ankam, befürchtete der Abt, daß die Chan-Lehre des Neuankömmlings, welcher das Lernen aus Büchern als unnötig abtat, die traditionellen Glaubenssätze des Klosters stören könnten. Er wies Damo deshalb an, ausserhalb des Klosters zu wohnen. Damo suchte sich eine nahe gelegene Höhle als Unterschlupf.

Die Aufnahme ins Kloster
Eine Legende erzählt, daß seine tiefblauen, stechenden Augen am Ende der neun Jahre währenden Meditation eine klaffende Vertiefung in den Stein gebohrt hatten. Nachdem der Abt dies gesehen hatte, konnte er Damos offensichtliche Autorität nicht länger leugnen. Damo zog daraufhin als erster Patriarch des Chan (Zen) in das Shaolin-Kloster ein und erschrak über die nachlässig dösenden Mönche und über die Art und Weise, wie sie ihre Meditation verrichteten. Ihre Muskeln waren schlaff, ihre Körper kraftlos und nicht in der Lage, eine mentale Übung durchzustehen. Obwohl der ursprüngliche Buddhismus ausschliesslich auf die Rettung der Seele zielte, zeigte Damo seinen Schülern, dass Körper und Geist nicht voneinander zu trennen waren. Die Einheit der beiden Seiten musste für die Erleuchtung gestärkt werden, und die Mönche gewannen an physischer und psychischer Gesundheit, als Damo gezielte Übungen zur Stärkung von Körper und Geist einführte. Zu diesem Zweck entwickelte er die Yi-jin-jing und die Xi-sui-jing. Yi-jin-jing bedeutet »Klassiker der Muskel- und Sehnen-Stärkung« und war ein Komplex von zwölf Qigong-Übungen. Sie waren so zusammengestellt, dass der Körper des Übenden beweglich und kräftig wurde. Xi-sui-jing, was »Klassiker der Knochenmark-Waschung« bedeutet, sind verschiedene Übungen zur Meditation und Qi-Lenkung. Yi-jin-jing und Xi-sui-jing stellten ein umfassendes Programm der inneren und äußeren Übung dar. Vermutlich war Damo auf seinen Reisen von den daoistischen Priestern dazu inspiriert worden, die solche Techniken schon seit Jahrhunderten anverwendeten. Und natürlich brachte er auch Einflüsse des alten indischen Yoga mit nach China. Jedenfalls begannen die kränklichen Mönche, diese Übungen täglich zu wiederholen, und wurden beständig kräftiger und gesünder. Das Erlangen von innerer Kraft und das intuitive Nutzen derselben brachte den Mönchen Durchhaltevermögen und Ausdauer, verbunden mit dem Gefühl von Wohlergehen und mentaler Ausgeglichenheit. Entgegen allen damaligen buddhistischen Konzepten lehrte Damo im Sinne des neugegründeten Chan (Zen).

Meditation
Nachdem Damo 536 - vermutlich an einer Vergiftung - gestorben war, wurden diese Übungen zu einem festen Bestandteil des Klosterlebens, und das Chan (oder Zen) wurde zu einer der wichtigsten geistigen Strömungen Asiens. Obwohl Yi-jin-jing und Xi-suijing ursprünglich nur Übungen zur energetischen und spirituellen Perfektion der Mönche waren, wurden sie später die Basis aller asiatischen Kampfkunststile. In der Blütezeit des Tempels vor ca. 1300 Jahren, lebten in den Tempelanlagen bis zu 1500 Mönche, von denen etwa 500 zur Verteidigung des Klosters in den Kampfkünsten ausgebildet wurden. Mehrere Male versuchten die Herrscher im damals noch ungeeinten China, die Mönche aus Shaolin für Schlachten und als persönliche Leibwachen einzuspannen, denn sie galten in jener Zeit aufgrund ihrer hochentwickelten Kampfkunst als unbesiegbar und waren für einen Herrscher ein entscheidender Machtfaktor im Land.

Die Zerstörung des Klosters
Als die Mönche jedoch begannen ihre Macht im Lande aktiv auf der Seite des Chin Kaisers Kang-Hsi in dessen Kampf gegen die Manchu einzusetzen, waren sie politisch nicht mehr neutral und somit auch eine Gefahr für das Kaiserhaus selbst. In einer Nacht und Nebelaktion und mit Hilfe einiger Mönche aus dem Kloster selbst wurde das Kloster auf Geheiss des Kaisers komplett zerstört und bis auf fünf Meister alle Insassen umgebracht. Die fünf überlebenden Meister versteckten sich erfolgreich vor ihren Verfolgern und es gelang ihnen sich und somit auch die Shaolin-Kampfkünste am Leben zu erhalten.
 
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